Springe zum Inhalt

Bildungskontext – Angst macht dumm

Über Eltern und die Angst in unseren Schulen

Angst macht dumm

Was ist los mit unseren Eltern? Bildungspolitiker, Schulbehörden und Lehrer haben deren Inaktivität und Hilflosigkeit längst entdeckt und nutzen die Chance, von ihren eigenen Fehlern abzulenken: die Eltern sind die wahren Schuldigen an der Bildungsmisere, weil sie ihre Erziehungspflichten vernachlässigen. Warum wehren sie sich nicht?

Geht es um den Wechsel von der Grundschule auf die Sekundarstufe, entwickeln die Eltern mancher Schüler eine erstaunliche Kampfbereitschaft. Und zwar jene, denen die begehrte Empfehlung versagt wurde. Die sich bei der Weichenstellung um die Lebens- und Zukunftschancen ihrer Kinder betrogen fühlen. Doch sobald der Wechselwunsch entschieden ist, egal ob positiv oder negativ, vollziehen solche Eltern einen radikalen Wandel. Sie unterdrücken ihren Kampfesmut und machen genau das Gegenteil: sich anpassen, stillhalten und bloß nicht auffallen! Mit dem Gefühl der Ohnmacht fügen sie sich bei Beginn des neuen Schuljahres brav ins Unvermeidbare.

„Unsere Kinder sollen es einmal besser haben!”

Der Grund für solches Verhalten? Derselbe wie schon immer: „Unsere Kinder sollen es mal besser haben!”. Durchaus verständlich! Stets das Ziel vor Augen, das Beste für den eigenen Nachwuchs zu erreichen. Für den Wechsel auf das Gymnasium scheint es sich zu lohnen, nach dem „Alles oder nichts-Prinzip” zu streiten; jedoch nicht im Schulalltag: hier wird ein kritisch-kämpferisches Verhalten als eher schädlich für den Nachwuchs eingeschätzt. Und es ist erstaunlich, was Eltern alles über sich ergehen lassen – ohne aufzubegehren, aber voller Wut und mit der Faust in der Tasche.

In Elternversammlungen hört die große Mehrheit schweigend zu, vermeidet jede Auffälligkeit oder biedert sich gar an. Hört man dennoch einmal etwas kritischere Töne, kommen diese mit großer Wahrscheinlichkeit von jenen Eltern, deren Kinder zu den besseren Schülern zählen. Doch selbst diese sind vorsichtig und beschränken sich auf eher Unwichtiges und Nebensächliches. Bloß die Lehrer nicht verärgern!

Als schädlich für den eigenen Nachwuchs vermuten die Eltern vor allem kritische Äußerungen gegen Schule oder Lehrer. Es herrscht die Angst vor dem, was darauf folgt. Und über diese Folgen sind die Eltern bestens informiert, denn die Verbreitung abschreckender Beispiele funktioniert im abgeschotteten Mikrokosmos der Schulen und Schulaufsicht auch ohne jeden Medienrummel: Berichte, in denen sich mutige Eltern mit Zivilcourage gegen allerlei Missstände in unseren Schulen wenden, dabei regelmäßig scheitern und selbst persönliche Nachteile von oft erheblichem Umfang in Kauf zu nehmen haben.

Schulbehörden und Politiker sehen bei solchen Vorfällen und Ereignissen aus purem Eigeninteresse nur wenig Handlungsbedarf. Selbst bei gravierenden Missständen und Verfehlungen ist für sie kein Nachteil zu befürchten, denn die Hierarchie gewährt umfassenden Schutz, Gesetze sind darauf abgestimmt und die Öffentlichkeit ist nahezu ausgeschlossen. Was dennoch in die Medien gelangt, passt als Präzedenzfall bestens ins Konzept: Nicht nur die Schüler zu disziplinieren, sondern auch die Eltern.

Angst als Machtinstrument

„Angst” ist in den heutigen Schulen weit verbreitet. Bei Schülern ist es die Angst vor schlechten Noten und psychischer Gewalt durch Mitschüler oder Lehrer, bei den Eltern die Angst vor Nachteilen für ihre Kinder und bei den Lehrern die Angst vor den Beschwerden der Eltern, den Vorgesetzten, dem Karriereknick und nicht zuletzt vor ihren eigenen Kollegen. Angst stabilisiert das Schulsystem; die Angst der Eltern vor den Machtmitteln der Lehrer, die diese einsetzen, um mit ihrer eigenen Angst zurechtzukommen.

Um welche Machtinstrumente handelt es sich? Die drei wichtigsten gegenüber den Eltern sind Notengebung, Repressionen und (in einigen Bundesländern) die Gymnasialempfehlung. Miteinander eng verzahnt zielen sie gleichsam auf die Sorge von Mutter und Vater um die Zukunft ihres Kindes.

Notengebung

Die Notengebung ist das wohl wichtigste Werkzeug der Lehrer und mit rechtlichen Mitteln – abgesehen von wenigen Ausnahmen – unangreifbar. Im Rahmen der „pädagogischen Freiheit” können Noten durchaus auch willkürlich und mit einer ganz bestimmten Absicht vergeben werden. Sind Schüler und Eltern auf bestimmte Noten für den Übergang auf höhere Schulen angewiesen, lohnt es sich für sie, um das Wohlwollen einzelner Lehrer zu buhlen. Kritische Äußerungen können jedoch genau das Gegenteil bewirken. Oder anders: Bindende Empfehlungen für den Zugang zum Gymnasium ermöglichen es der Schule und den Lehrern, Kritik von Schülern und Eltern wirksam zu unterdrücken. Dagegen sind sie denkbar ungeeignet, Missstände an Schulen und im Unterricht zu beheben und allseits gewünschte Reformen anzustoßen. Schleimerei ist also angesagt und an den meisten unserer Schulen deutlich wahrzunehmen – und zwar nicht nur in Bezug auf Schulempfehlungen.

Repressionen

Repressionen seitens der Schule und Lehrer sind tabu. Zumindest spricht man nicht darüber. Wenn doch, gerät man sehr schnell in Beweisnot, denn nahezu jedes Verhalten läßt sich beliebig interpretieren; notfalls helfen auch Verdrehungen, Ergänzungen oder Unwahrheiten. Und der Staat schützt seine Bediensteten: Beschwerden werden nach einer zumeist sehr langen Bearbeitungszeit regelmäßig abgewiesen; Gerichtsverfahren, in denen Lehrer wegen benachteiligender Vergeltung an einem Schüler oder dessen Eltern verurteilt werden, sind nicht bekannt. Dagegen findet man allein im Internet eine kaum zu überblickende Zahl von Vorwürfen und Hilfeschreien von Eltern. Viele davon sind anonym, denn die Angst spielt mit. Allein die Hilfsorganisationen können auf eigene Erfahrungen zurückblicken und verfügen vor allem über Nachweise. Ihre Sammlungen über fragwürdiges Verhalten von Lehrern in der Folge von Auseinandersetzungen sind mittlerweile derart umfangreich, dass ein Wegwischen der Belege und Argumente als „Einzelfälle” oder „Ausnahmen” nicht mehr glaubhaft ist. Mehr oder weniger gravierende Vergeltungsmaßnahmen als Folge kritischer Bemerkungen oder Auseinandersetzungen haben sich an unseren Schulen in erschreckender Weise manifestiert. Die berühmte Spitze des Eisbergs?

Psychische Gewalt

Seit die körperliche Züchtigung von Schülern in Deutschland verboten ist, besteht für Lehrer die Alternative, auf psychische Methoden auszuweichen. Zwar ist die psychische Gewaltanwendung ebenso verboten, läßt sich jedoch im Gegensatz zur „physischen Gewalt” (z. B. Schläge) nur selten nachweisen und wird fast nie geahndet. Die Verlagerung auf das unvergleichlich wirkungsvollere, nachhaltig prägende und weitaus schädlichere Niveau der psychischen (auf die „Seele” wirkenden) Gewaltanwendung ist ein weiteres Tabu an unseren Schulen. Angriffspunkt ist die im Kindes- und Jugendalter besonders leicht verletzbare Persönlichkeit von Heranwachsenden: Isolierung und Nichtbeachtung, Demütigung, Verspottung, Bloßstellung, Drohung, Einschüchterung, Beschimpfung, Beleidigung und ungerechte Entscheidungen zermürben einen jeden Schüler. Und die Eltern bleiben stumm, denn bei Beschwerden müssen sie mit Repressionen rechnen…

Bei psychischer Gewalt empfinden Schüler Ohnmacht, Wut und Frustration, ohne dass sie ihre Gefühle in Worte fassen können. Schulische Leistungen nehmen ab und die inneren Störungen der Psyche äußern sich nach außen u. a. durch Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen, Lustlosigkeit, Minderwertigkeitsgefühle, Verunsicherung und Verweigerungshaltung, Schlaf- und Essstörungen (Bulimie, Anorexie), Bettnässen, Depression und Resignation; in manchen Fällen auch durch Drogenkonsum (Alkohol, Nikotin, Tabletten, Rauschmittel). Aggressionen stauen sich immer weiter auf und die Öffentlichkeit steht mal wieder vor einem Rätsel, wenn sich diese plötzlich und sehr heftig entladen. Lehrer könnten jegliche Verantwortung von sich weisen, die durch ihr eigenes Verhalten begründete Aggressivität dem Schüler zuschreiben und sich selbst als Opfer präsentieren. Für psychisch gequälte Schüler ist eine erschreckende Fülle von Verzweiflungstaten dokumentiert – bis hin zu vorgetäuschtem (Mitgefühl erzwingendem) und vollendetem Suizid!

Staats-Gewalt

Schulbehörden sind äußerst kreativ bei ihren Ideen, Kritik zu unterdrücken und unliebsame Kritiker loszuwerden. Wenn z. B. der unbeholfenen Mutter einer türkischstämmigen Schülerin verboten wird, zur Besprechung mit dem Klassenlehrer eine fach- und sprachkundige Vertrauensperson als Beistand mitzubringen, ist dies bedenkenswert. Besonders dann, wenn eine solche Entscheidung durch die Schulaufsicht bestätigt wird, weil dies gesetzlich zulässig sei (z. B. in Hessen nach § 14 HVwVfG). Als sichere und schnelle Methode für Schulen, unliebsame Kritiker loszuwerden, gilt die Erteilung eines Haus- und Betretungsverbots. Hierzu genügt schon der Verweis auf eine Beschwerde und deren Einordnung als „Störung des Schulfriedens”. Sollten die Betroffenen Widerspruch einlegen, wandelt die Behörde ihren Verwaltungsakt ganz einfach in eine privatrechtliche Verfügung um, für die dann keine Begründung mehr erforderlich ist (z. B. der Landkreis Fulda, VG Kassel, 3 K 1609/10.KS*).

Angst macht dumm: die Eltern und die Schüler!

Am Ende der Schulzeit atmen die Eltern auf: „Gott sei Dank, es ist überstanden! Ein Problem weniger. Nichts mehr damit zu tun!” Nur in den seltensten Fällen bleiben sie auch hinterher am Ball, berichten über ihre Erfahrungen oder kümmern sich sogar um eine Verbesserung des Schulsystems. So bleiben viele Ereignisse und Erlebnisse, die den folgenden Elterngenerationen das Leben erleichtern könnten, für immer verborgen. Und der Kampf für beste Bildungschancen beginnt mit jeder Einschulung und neuen Elterngeneration von vorne. Statt sich vernünftig zu organisieren und ihre eigenen Sorgen hinauszuschreien, lassen sich Eltern stets aufs Neue einschüchtern und demütigen.

Dabei hätten sie starke Unterstützung von Wissenschaftlern (z. B. Manfred Spitzer, Gerald Hüther, Joachim Bauer …). Psychoanalytiker lassen keinen Zweifel an der Feststellung, dass eine Atmosphäre der Angst das Lernen hemmt – vor allem in der Schule! Selbst die biochemischen Zusammenhänge zwischen Angst und Denkleistung sind mittlerweile nachgewiesen: eine kaskadenartige Ausschüttung verschiedenster Stresshornone bei verminderter Glucoseaufnahme und Zunahme toxischer Neurotransmitter mit den Folgen eines Abbaus neuronaler Vernetzungen. Für Politiker und Schulverwaltungsbeamte, die das nicht verstehen, hatte der bedeutende Kinderpsychologe Hans Zulliger schon 1957 eine Kurzform parat: „Angst macht dumm”.

Mit „Schülern” sind selbstverständlich stets auch „Schülerinnen” und mit „Lehrern” auch „Lehrerinnen" gemeint. Im Schuljahr 2010/11 betrug der Anteil weiblicher Lehrkräfte in Deutschland insgesamt 70,5 %, in allen neuen Bundesländern lag er bei über 80 % (Quelle: Statist. Ämter d. Bundes u. d. Länder).

Verfasser: Dr. Gerhard Rudi Pelz / pelz@bildungsindex.eu